Wie kommt mensch auf die Idee, eine Ausstellung über Übergriffe durch Polizisten in Deutschland zu machen? Würde sich das Anti-Diskriminierungsbüro in Istanbul befinden, würde sich diese Frage für viele gar nicht stellen – assoziieren die meisten doch Polizeigewalt mit Bildern aus der Tagesschau von türkischen Polizisten, die auf Oppositionelle einprügeln. So wird Polizeigewalt meist als ein Phänomen diktatorischer Regime wahrgenommen. Prügelnde Polizisten in Deutschland sind daher für viele undenkbar.
Doch müssen wir in unser alltäglichen Arbeit immer wieder feststellen, dass Übergriffe durch deutsche Polizisten nicht nur denkbar, sondern für viele Menschen traurige Realität sind. Immer wieder berichten uns Betroffene von rassistischen Beleidigungen, Drohungen, Freiheitsberaubungen, Tritten und Schläge durch Polizeibeamte im Dienst. Gleichzeitig werden die Stimmen nach einen hartem Vorgehen des Staates im Kampf gegen „linke Chaoten“, „Gewalttäter nichtdeutscher Herkunft“, Hooligans und islamistische Terroristen immer lauter. Dabei werden Übergriffe bis hin zur Folter und der Abbau des Rechtsstaates billigend in Kauf genommen.
Die Alltäglichkeit von Übergriffen und die Ohnmacht vieler Menschen sich wirksam dagegen zu wehren, hat uns veranlasst, die Ausstellung „Vom Polizeigriff zum Übergriff“ aus dem Jahr 2001 zu überarbeiten und nun neu zu eröffnen. Dabei thematisieren wir nicht nur der Übergriff selbst, dass heißt Schläge, Tritte, Beleidigungen und Schikanen durch Polizisten im Dienst, sondern auch die internen Strukturen des deutschen Polizeiapparates, welche solche Übergriffe erst ermöglichen und gegebenenfalls sogar fördern. Dabei wollen wir der Frage nachgehen, ob es sich bei den Schlägern in Uniform wirklich nur um wenige „Schwarze Schafe“ handelt, die dem Stress und Frust des Polizeialltags nicht gewachsen sind, wie von Politik und Polizei häufig behauptet. Außerdem analysieren wir den Rassismus in der Polizei, welcher sich in Schikanen und Übergriffen gegen Migrant_innen zeigt. Des weiteren hinterfragen wir, warum Schläger in Uniform so gut wie nie eine Verurteilung zu befürchten haben, während die Betroffenen durch Gegenanzeigen eingeschüchtert werden. Zu guter Letzt gehen wir der Frage nach, ob und wenn ja wie Übergriffe verhindert werden können.
Obwohl ein Übergriff für Betroffene eine einschneidende Erfahrung ist und nicht nur eine schwere Erschütterung des Vertrauens in Polizei und Staat bedeutet, sondern auch schwere Traumatisierungen hinterlassen kann, wird in der Öffentlichkeit das Problem weitgehend totgeschwiegen oder schlicht verharmlost. Wir wollen diesem mit der Ausstellung etwas entgegensetzen, die Öffentlichkeit sensibilisieren und den Betroffenen eine Stimme geben.
Viel Spaß beim Anschauen, Lesen, Diskutieren und natürlich auch kritisieren.
Anti-Diskriminierungsbüro (ADB) Berlin e.V.
© Anti-Diskriminierungsbüro (ADB) Berlin e.V.
Ausstellung: „Vom Polizeigriff zum Übergriff”
www.polizeigriff.de