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Vom Polizeigriff zum Übergriff

www.polizeigriff.org


Broschüre - „Er konnte nicht verstehen, dass ich Deutscher bin“ (only in German)

Im Herbst 2004 wurde Charles B.(1) im Zuge einer „verdachtsunabhängigen“ Kontrolle – der einzige Verdacht war seine dunkle Hautfarbe in Zusammenhang mit dem Stereotyp des „afrikanischen Dealers“ – beleidigt und geschlagen. Die Polizisten wurden freigesprochen – Charles B. jedoch wegen Beleidigung verurteilt.

ADB: Im Oktober 2004 wurdest du Opfer eines Übergriffs durch Polizisten. Was ist dir genau passiert?
Charles B.: Ich hatte familiäre Probleme und fühlte mich nicht gut. Daher ging ich in die Hasenheide, einen Park in der Nähe meiner Wohnung, um zu beten. Ich ging zur „Rhododendron Ecke“, einem ruhigen Ort im Park, wo aber auch andere Deutsche hingehen. Ein Polizist und eine Polizistin kamen auf mich zu, während ich mit meiner Bibel in der Hand betete. Sie führten mich zu einem Ort, wo viele Bäume und keine Menschen waren. Ich wusste nicht, warum sie mich in die abgeschottete Ecke führten und hatte ein bisschen Angst vor der Polizei.

ADB: Was ist dann in dieser abgelegenen Ecke passiert?
Charles B.: Der Polizist befahl mir, mit den beten aufzuhören. Ich sagte zu ihm, er soll seine Arbeit machen und ich betete weiter. Daraufhin schlug er mir viermal mit der Faust in den Magen. Ich sagte zu ihm: „Sie Haben mich viermal in meinem Bauch geschlagen. Ich klage Sie an.“ Er erwiderte: „Ich schlage dich auch noch das fünfte Mal und ich zeige dich an. Das geht schneller.“ Gleichzeitig schlug er mich noch mal.
Nach ein oder zwei Minuten kamen noch zwei weitere Polizisten, ein Polizist und eine Polizistin und fragten, was hier los sei. Ich habe die Antwort nicht verstanden. Ich betete immer noch, als mich der dazugekommene Polizist nach meinem Ausweis fragte. Ich hatte nur meine Papiere dabei. Er schlug mir mit seinem Ellbogen auf meinen Unterkiefer und sagte gleichzeitig „opla“. Dabei fiel meine Brille zu Boden und mein Kiefer wurde ausgerenkt. Ich konnte nun nicht mehr richtig beten und der erste Polizist sagte daraufhin: „Ja es geht doch.“ Und die anderen Polizisten lachten. Anschließend haben sie mich durchsucht. Sie haben mich halb-nackt ausgezogen, obwohl es kalt war.

ADB: Das war doch bestimmt nicht leise und hat einige Zeit gedauert. Kam denn niemand vorbei und hat dir geholfen?
Charles B.: Nein. Die Polizisten haben mich zu einem sehr abgelegenen Ort gebracht und die wenigen Leute, die dort vorbeikamen, wurden von einem der vier Polizisten weggeschickt.

ADB: Haben die Polizisten dich denn, nachdem sie deine Personalien kontrolliert und keine Anhaltspunkte für Straftaten gefunden haben, in Ruhe gelassen?
Charles B.: Nein, sie haben mich zu ihrem Streifenwagen gebracht. Als sie mich wegführten, habe ich sie auf meine Brille aufmerksam gemacht. Daraufhin trat ein Polizist absichtlich darauf und steckte sie mir in meine Brusttasche. Im Auto erhielt der eine Polizist einen Anruf und sagte, dass sie den „Neger“ jetzt nach Hause bringen. Ich finde das Wort „Neger“ sehr verletzend und erwiderte: „Ich weiß nicht, was für sie Neger bedeutet. Aber egal was es für sie bedeutet, sie sind mehr als das.“ Dann haben sie meine Wohnung gegen meinen Willen durchsucht und mein Familienbuch mitgenommen. Danach wurde ich noch zwei Stunden auf der Wache am Columbia Damm festgehalten.

ADB: Was hast du nach deiner Freilassung gemacht? Hast du die Polizisten angezeigt?
Charles B.: Ich habe gleich meinen Anwalt angerufen und bin ins Krankenhaus gefahren, wo meine Verletzungen behandelt wurden. Danach habe ich bei der Polizei Anzeige erstattet.

ADB: Wurden die Polizisten trotzdem verurteilt?
Charles B.: Nein, ich hatte keine Chance vor Gericht. Der Richter hat der Polizei geglaubt, aber mir nicht. Er fragte mich sogar in der Verhandlung, wie es sein könnte, dass ich Deutscher bin, obwohl ich schwarze Hautfarbe habe. Dass ich mich für meine deutsche Staatsangehörigkeit vor einem Richter rechtfertigen muss, zeigt wie weit der Rassismus in Deutschland verbreitet ist. Die Polizisten wurden freigesprochen und ich musste 150 Euro wegen einer Beleidigung zahlen, die ich nie gesagt hatte. Nur weil ein Polizist meinte, dass ich ihn vielleicht „Arschloch oder so“ genannt hätte. Ein Afrikaner wird niemals Gerechtigkeit bekommen.

ADB: Eine ganz schön harte Aussage. Glaubst du, dass du nur wegen deiner Hautfarbe Opfer der Polizei wurdest?
Charles B.: Ein Polizist sagte vor Gericht, dass 80% der Menschen im Park schwarz sind oder afrikanisch – aber das stimmt nicht. Es gibt nicht so viele Afrikaner oder „Schwarze“ im Park. Er hat mich kontrolliert, weil ich schwarz bin. Er sagte mit stolz bei der Verhandlung, dass im Park bestimmte Gruppen wie zum Beispiel Araber, Türken und Schwarzafrikaner von vornherein verdächtig sind.
Ich habe bereits vorher Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Sie sind an allen „weißen“ Menschen vorbeigegangen und haben nur mich kontrolliert. Afrikaner können nicht zusammen in Gruppen stehen oder herumlaufen. Die Polizei kommt, um uns zu kontrollieren. Sie haben rassistische Vorurteile.

Fussnoten

  1. Name geändert
Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt ... ... Anti-Diskriminierungsbüro (ADB) Berlin

© Anti-Diskriminierungsbüro (ADB) Berlin e.V.
Ausstellung: „Vom Polizeigriff zum Übergriff”
www.polizeigriff.de